Was Männergruppen trägt: Echtheit statt Methode
Es gibt einen Moment in der Gruppenarbeit, den viele Leiter kennen. Man hat sich vorbereitet, hat ein Thema dabei, kennt die Regeln. Und dann sitzt da ein Mann, der zum ersten Mal kommt – vielleicht skeptisch, vielleicht still – und man fragt sich unwillkürlich: Wie weit darf ich hier gehen? Wie viel zeige ich von dem, was ich wirklich tue?
Diese Frage stand sinngemäß im Raum, als sich eine Runde Männergruppenleiter aus verschiedenen Teilen Deutschlands zu einem gemeinsamen Gesprächsabend zusammenfand. Das Thema war Gruppendynamik – ein weites Feld. Was daraus wurde, war etwas anderes: eine ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was Männerkreise wirklich trägt.
Die Leiter, die an dem Abend zusammenkamen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Eine Gruppe, die seit zwanzig Jahren besteht, trifft auf einen Mann, der gerade seinen dritten Kreis durchgeführt hat. Einer leitet im städtischen Raum, ein anderer auf dem Dorf in Mecklenburg. Einer arbeitet mit reinen Gesprächsrunden, ein anderer mit Trommeln, Gesang und körperlichen Übungen. Und alle hatten sie erfahren, dass das Format allein keine Gruppe macht.
Was eine Gruppe trägt, das war die wiederkehrende Erkenntnis des Abends, ist das Vertrauen der Männer in denjenigen, der den Raum hält. Und dieses Vertrauen entsteht nicht durch besonders ausgefeilte Methoden. Es entsteht durch Echtheit.
Ein Leiter erzählte, wie seine Gruppe sich über sieben Jahre hinweg verändert hat. Am Anfang hatte er Themen vorgegeben, weil er nicht wusste, was von selbst kommen würde. Irgendwann kamen die Männer und sagten: Wir möchten selbst Themen mitbringen. Das war der erste Sprung. Dann sagte einer: Ich möchte, dass wir mehr über uns reden. Daraus entstand eine Form des gegenseitigen Fragens, die nichts mehr mit Vortrag zu tun hatte. Und schließlich, in den letzten Monaten, kamen Themen in den Kreis, die kaum einer erwartet hätte – Spiritualität, Verletzlichkeit, ein Fall, der alle an ihre eigenen Grenzen als Zuhörer brachte. Sieben Jahre, vom zaghafen Anfang bis zu Momenten, die wirklich zählten.
Was er daraus mitnahm: Die Gruppe entwickelt sich genau so weit, wie der Raum es zulässt. Und dieser Raum wird durch die Haltung des Leiters bestimmt.
Ein anderer Mann, der seine Kreise erst kürzlich gestartet hat, brachte eine Frage mit, die viele kennen dürften, auch wenn sie sie selten so offen benennen. Er arbeitet in einer Region, wo Männerarbeit kaum bekannt ist. Die Männer, die zu ihm kommen, haben noch nie von Atemarbeit gehört, halten Rituale für Hokuspokus und kommen trotzdem. Und er fragte sich, ob er sich selbst ein Stück weit verbiegen müsse, um sie nicht zu verlieren – ob er das, was ihm wirklich am Herzen liegt, zunächst zurückhalten sollte, bis die Männer bereit dafür sind.
Die Antworten, die er bekam, waren eindeutig – und kamen aus gelebter Erfahrung. Wer als Leiter auf der Bremse steht, spüren die Männer das. Nicht unbedingt bewusst, aber sie spüren es. Die Authentizität eines Leiters ist das erste, was ein Mann erspürt, wenn er neu in einen Kreis kommt. Und ein Leiter, der sich verstellt, wird nicht die Männer anziehen, die zu ihm passen – sondern irgendwann mit einer Gruppe sitzen, die nicht zu ihm passt. Wer er ist und was er kann, muss er machen. Möglichst gut. Dann kommt der Rest.
Das klingt einfacher als es ist. Es erfordert ein inneres Commitment zu dem, was man tut. Nicht zum Erfolg, nicht zu wachsenden Teilnehmerzahlen – sondern zur Sache selbst. Ein Leiter beschrieb es so: Irgendwann war es für ihn klar, dass er weitermacht, egal wie viele kommen. Wenn er allein im Raum sitzt, sitzt er eben allein. Das war der Moment, in dem seine Arbeit richtig begann.
Neben dieser größeren Frage nach Haltung und Authentizität tauschten sich die Männer auch über ganz praktische Dinge aus: wie man eine Runde strukturiert, was man regelt und was man lässt, wie man mit Verbindlichkeit umgeht, ob eine WhatsApp-Gruppe hilft oder nervt. Die Vielfalt der Antworten war bemerkenswert – und gleichzeitig stimmten fast alle in einem überein. Was in die Gruppe gehört, gehört in die Gruppe. Was zwischen den Treffen im Messenger weiterläuft, kann den geschützten Charakter des Raums aushöhlen. Das Treffen hat seinen Wert auch dadurch, dass es einen Anfang und ein Ende hat.
Zum Ende des Abends, als jeder kurz sagen sollte, was er mitnimmt, fiel ein Satz, der sich wie ein Bogen über das gesamte Gespräch legte. Einer der Männer, selbst gerade neu dabei, sagte: Er geht mit deutlich mehr Klarheit raus.
Vielleicht ist das das Beste, was ein Männerkreis leisten kann. Nicht Antworten geben. Sondern Klarheit ermöglichen – über das, was man tut, wie man es tut und warum es sich lohnt.
Was macht deinen Kreis zu dem, was er ist? Und wie viel von dir steckt wirklich darin?
