Was Väter von Söhnen lernen können
An unserem letzten Mitglieder-Call im Männergruppen-Netzwerk ging es um ein Thema, das auf den ersten Blick unspektakulär wirken mag: unterschiedliche Generationen in Männergruppen. Doch je länger wir miteinander sprachen, desto deutlicher wurde mir, wie viel Lebendigkeit und auch wie viel persönliche Geschichte in diesem Thema steckt.
Der Abend hatte für mich zwei Schwerpunkte. Einerseits ging es um die Frage, was passiert, wenn Männer unterschiedlichen Alters gemeinsam in einem Kreis sitzen. Andererseits um die Themen, die zwischen den Generationen entstehen, besonders dort, wo die Beziehung zu Vater und Großvater berührt wird.
Was mich immer wieder beeindruckt, wenn ich Männergruppen erlebe, ist die Selbstverständlichkeit, mit der dort sehr unterschiedliche Lebenswelten nebeneinander Platz haben. Da sitzt vielleicht ein Mann Anfang dreißig, der gerade Vater geworden ist und sich fragt, wie er Familie, Partnerschaft und Beruf unter einen Hut bekommen soll. Neben ihm sitzt ein Mann, dessen Kinder längst erwachsen sind und der auf Jahrzehnte an Erfahrungen zurückblickt. Ein anderer beschäftigt sich mit dem Übergang in den Ruhestand oder mit Fragen, die erst im letzten Lebensdrittel auftauchen. Im Gespräch wurde deutlich, wie wertvoll diese Unterschiede sein können, wenn ihnen mit Respekt begegnet wird.
Mich hat besonders die Frage berührt, die zwischen den Zeilen immer wieder auftauchte: Wie bist du eigentlich zu dem geworden, der du heute bist?
Hinter dieser Frage stehen oft ganze Lebensgeschichten. Geschichten von Entscheidungen, Umwegen, Erfolgen und Niederlagen. Manche Männer sprachen davon, welche Krisen sie geprägt haben. Andere davon, wie sie mit Verantwortung für Kinder, Partnerschaft oder Beruf umgegangen sind. Und immer wieder zeigte sich etwas, das ich aus Männergruppen gut kenne: Echte Verbindung entsteht häufig genau dort, wo Männer bereit sind, auch über ihre schwierigen Erfahrungen zu sprechen. Nicht als Heldengeschichte. Nicht als Beweis besonderer Stärke. Sondern als ehrlicher Blick auf das Leben.
Besonders spannend fand ich, wie sich die Perspektive im Laufe des Gesprächs verschob. Anfangs lag die Aufmerksamkeit eher auf der Frage, was jüngere Männer von älteren lernen können. Das erscheint zunächst naheliegend. Wer länger lebt, sammelt Erfahrungen, macht Fehler, übersteht Krisen und entwickelt einen Blick auf Dinge, die für jüngere Männer oft noch vor ihnen liegen.
Doch irgendwann wechselte die Richtung.
Plötzlich ging es darum, was ältere Männer von jüngeren lernen können. Und bei mir persönlich traf dieser Gedanke einen Nerv. Denn wenn ich auf die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen schaue, scheint oft klar zu sein, wer der Lehrende und wer der Lernende ist. Viele von uns sind mit diesem Bild aufgewachsen. Der Vater zeigt den Weg. Der Sohn folgt.
Doch die Wirklichkeit ist oft viel lebendiger.
Söhne wachsen heute in einer anderen Zeit auf. Sie sprechen anders über Gefühle. Sie stellen andere Fragen. Sie haben oft einen anderen Zugang zu Freundschaft, Partnerschaft und zu ihrer Rolle als Mann. Manchmal können gerade diese Unterschiede für einen Vater herausfordernd sein. Gleichzeitig können sie eine Einladung sein, die eigene Sicht auf die Welt zu erweitern.
Während unseres Austauschs wurde mir bewusst, wie selten darüber gesprochen wird. Dass Väter nicht nur etwas weitergeben. Dass auch sie lernen können. Dass ein Sohn manchmal einen neuen Blick auf das Leben eröffnet, den sein Vater allein vielleicht nie entwickelt hätte.
In diesem Zusammenhang kamen wir auch auf unsere eigenen Väter und Großväter zu sprechen. Viele Männer kennen die Erfahrung, dass die Beziehung zum Vater von Nähe und Distanz zugleich geprägt war. Einige von uns sind mit Vätern aufgewachsen, die zuverlässig für die Familie sorgten, emotional aber oft schwer erreichbar waren. Manche berichteten davon, nie einen wirklichen Mentor erlebt zu haben. Niemanden, der sie über einen längeren Zeitraum begleitet, ermutigt oder einfach mit seiner Lebenserfahrung unterstützt hätte.
Vielleicht war es deshalb kein Zufall, dass das Thema Mentorschaft im Laufe des Abends zunehmend Raum bekam.
Dabei wurde deutlich, dass Mentorschaft etwas anderes ist als Coaching oder Beratung. Ein Mentor ist nicht jemand, der Lösungen liefert. Eher ein Mensch, dessen gelebte Erfahrung Orientierung schenken kann. Jemand, der ein Stück Weg mitgeht, ohne den Weg vorzugeben.
Gleichzeitig scheint diese Form von Begleitung in unserer Gesellschaft seltener geworden zu sein. Viele Männer wünschen sich Orientierung, tun sich aber schwer damit, jemanden um Begleitung zu bitten. Und ebenso gibt es Männer mit wertvollen Erfahrungen, die nie auf die Idee kämen, sich selbst als Mentor zu verstehen.
Für mich verbanden sich an diesem Abend all diese Themen miteinander. Generationen, Väter und Söhne, Mentorschaft und Männergruppen erzählen letztlich von derselben Sehnsucht: dem Wunsch, voneinander zu lernen, ohne sich gegenseitig belehren zu müssen.
Vielleicht liegt darin auch eine spannende Frage für viele Männergruppen: Gibt es bei uns eigentlich den Wunsch nach Mentorschaft?
Nicht als formelles Programm und nicht als starre Zuordnung von „Erfahrenen“ und „Unerfahrenen“. Sondern als bewusste Einladung, generationenübergreifend miteinander in Kontakt zu kommen. Welche Erfahrungen würden ältere Männer gerne weitergeben? Wo wünschen sich jüngere Männer Begleitung, Orientierung oder einfach einen Gesprächspartner, der bestimmte Lebensphasen bereits durchlaufen hat? Und genauso wichtig: Was können ältere Männer von den Jüngeren lernen?
Vielleicht lohnt es sich, diese Fragen einmal ganz konkret in den eigenen Gruppen zu bewegen. Denn oft sind die Menschen, die wir als Mentoren oder Wegbegleiter suchen, bereits da. Sie sitzen nur noch nicht miteinander im Gespräch.
Mich würde interessieren, welche Erfahrungen ihr damit gemacht habt. Gibt es in euren Gruppen bereits Formen von Mentorschaft? Entstehen dort Beziehungen, die über die regelmäßigen Treffen hinaus tragen? Oder ist das ein Thema, das bisher kaum Aufmerksamkeit bekommen hat?
