Skip to content Skip to sidebar Skip to footer


Wenn das Leben still wird – eine persönliche Erfahrung mit Depression

Es fällt mir nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Und gleichzeitig fühlt es sich längst überfällig an. In meiner Rolle als Leiter einer Männergruppe und im Engagement für unseren Verein spreche ich oft über Verbindung, über Austausch und darüber, was Männer tragen – sichtbar und unsichtbar. Heute schreibe ich aus einer anderen Perspektive. Aus einer Zeit in meinem Leben, in der genau diese Verbindung gefehlt hat.
Meine eigene Erfahrung mit Depression liegt einige Jahre zurück. Damals hätte ich dieses Wort vermutlich noch nicht für mich benutzt. Ich war beschäftigt, eingebunden, verantwortlich. Von außen betrachtet funktionierte vieles. Und genau darin lag ein Teil des Problems. Denn während ich meinen Alltag bewältigt habe, ist innerlich etwas leise geworden. Erst nach und nach habe ich verstanden, dass es nicht einfach Stress oder Erschöpfung war, sondern etwas Grundlegenderes.
Der Moment, in dem mir das deutlicher wurde, kam nicht in einem stillen Rückzug, sondern in einer Situation, die eigentlich einem anderen Menschen galt. Im Rahmen eines Gesprächs über psychische Belastungen wurden typische Anzeichen beschrieben. Stück für Stück habe ich mich darin wiedergefunden. Nicht in Form akuter Traurigkeit, sondern in einer anderen Qualität. Es war eher so, als wäre das eigene Innenleben in den Hintergrund gerückt. Gefühle waren nicht weg, aber sie waren nicht mehr erreichbar.
Das ist etwas, das ich lange schwer in Worte fassen konnte. Es ist keine offensichtliche Dramatik, kein lautes Leid. Eher eine Stille, die sich ausbreitet. Ein Zustand, in dem man weiterlebt, ohne sich wirklich beteiligt zu fühlen. Nach außen hin präsent, innerlich auf Distanz. Menschen in meinem Umfeld haben das gespürt, auch wenn ich selbst es lange nicht greifen konnte.
Mit dieser Erkenntnis umzugehen, war nicht einfach. Ich komme aus einem Umfeld, in dem Verlässlichkeit und Belastbarkeit einen hohen Stellenwert haben. Da ist wenig Raum für Zweifel an der eigenen Stabilität. Mir selbst einzugestehen, dass ich Unterstützung brauche, hat Zeit gebraucht. Es war verbunden mit Unsicherheit und auch mit Scham. Gleichzeitig war da irgendwann die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.
Ich habe damals therapeutische Unterstützung gefunden. Rückblickend war das ein wichtiger Schritt. Nicht, weil es schnelle Lösungen gebracht hätte, sondern weil dort ein Raum entstanden ist, in dem ich anfangen konnte, wieder wahrzunehmen, was in mir passiert. Schritt für Schritt. Ohne Druck. Ohne das Gefühl, funktionieren zu müssen. Heute kann ich sagen, dass diese Zeit etwas verändert hat, das über die ursprüngliche Krise hinausgeht.
Wenn ich heute auf das Thema blicke, sehe ich es nicht nur als persönliche Erfahrung, sondern auch im größeren Zusammenhang. Zahlen des Statistischen Bundesamtes machen deutlich, wie ernst die Lage ist. Jedes Jahr verlieren wir in Deutschland rund 10.000 Menschen durch Suizid. Das sind etwa dreimal so viele wie durch Verkehrsunfälle – und die Entwicklung zeigt in den letzten Jahren nach oben. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Leben, ein Umfeld, eine Geschichte. Und auch wenn jeder Verlust tragisch ist, fällt auf, dass drei von vier Betroffenen männlich sind. Ich schreibe das nicht, um zu dramatisieren, sondern weil es etwas sichtbar macht, das oft unausgesprochen bleibt.
Erst im Nachhinein wurde mir klar, was in meinem Leben gefehlt hat. Es waren nicht nur Pausen oder weniger Termine. Es ging tiefer. Ich hatte wenig Orte, an denen ich ehrlich aussprechen konnte, was in mir vorgeht. Gespräche gab es viele, aber selten solche, in denen wirklich etwas auf den Tisch durfte, dass nicht bereits sortiert und erklärbar war.
Einige Zeit später bin ich in eine Männergruppe gekommen. Nicht als Ersatz für Therapie und nicht mit dem Anspruch, dort Lösungen zu finden. Sondern zunächst einfach als ein Raum, in dem Männer zusammenkommen und sprechen. Heute weiß ich, wie besonders dieser Raum ist. Nicht, weil dort alles leicht wird, sondern weil dort Dinge gesagt werden dürfen, die anderswo oft keinen Platz haben.
Was mich dort bis heute trägt, ist die Art des Miteinanders. Es geht weniger um Ratschläge und mehr um Zuhören. Weniger um schnelle Antworten und mehr um ehrliches Wahrnehmen. Und manchmal auch darum, Rückmeldungen zu bekommen, die nicht bequem sind, aber stimmig. Es gibt Momente, in denen ich merke, dass ich mir selbst Erklärungen zurechtlege, die sich gut anfühlen, aber nicht ganz tragen. Dann ist da jemand, der aufmerksam bleibt und nachfragt. Nicht, um mich infrage zu stellen, sondern um mich nicht aus dem Blick zu verlieren.
Diese Form von Verbindung kannte ich so vorher nicht. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht alles mit sich selbst auszumachen. Gerade für Männer ist das oft ein ungewohnter Schritt. Vieles wird lange allein getragen. Nicht aus Trotz, sondern weil es kaum geübte Alternativen gibt.
Dass ich heute darüberschreibe, hat weniger mit meiner eigenen Geschichte als mit einer Beobachtung zu tun. Viele Männer erleben ähnliche Phasen, ohne Worte dafür zu finden. Oder ohne einen Rahmen, in dem sie sich mitteilen können. Und oft wird erst sehr spät sichtbar, wie belastend diese innere Distanz sein kann.
Mir ist wichtig, dabei nicht den Eindruck zu erwecken, es gäbe einen einfachen Weg. Eine Männergruppe ersetzt auf keinen Fall eine Therapie. Und sie kann auch nicht auffangen, was professionelle Begleitung leisten muss. Aber sie kann ein Ort sein, an dem etwas anderes möglich wird. Ein langsames Wieder-in-Verbindung-Kommen. Mit sich selbst und mit anderen.
Vielleicht ist das, was ich mitgeben möchte, genau das. Dass es sich lohnen kann, hinzuhören, wenn innerlich etwas still wird. Und dass es Wege gibt, wieder mehr Verbindung zu spüren – auch wenn sie leise beginnen.
Wenn du dich in Teilen wiedererkennst, kann es sinnvoll sein, dich an eine professionelle Stelle zu wenden. Ein erster Kontakt kann der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefon-Nr. 116117 sein. Weitere Informationen findest du unter www.deutsche-depressionshilfe.de, www.telefonseelsorge.de und www.psychenet.de.

INFOMAIL ABONNIEREN

Melde dich an, um Neuigkeiten und Updates per E-Mail vom Männergruppen-Netzwerk e.V. zu erhalten:

Männergruppen-Netzwerk e.V. © 2026. Willkommen in der Männerwelt – Willkommen Zuhause!
Online-Vortrag
Mannsein im 21. Jahrhundert

Vortrag und Raum für Fragen und Austausch - Donnerstag, 29.10.26 mit Farid El-Nomany. Offen für alle Männer und kostenlos (Infos).

Jetzt anmelden!