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Review zum Online-Vortrag von Dr. Martin Kreuels am 18.11.2025

Trauer ist ein tiefer menschlicher Prozess, der uns alle betrifft – doch Männer erleben und zeigen sie oft anders, als viele erwarten. Im OnlineVortrag von Dr. Martin Kreuels wurde deutlich, wie stark unsere heutige Art zu trauern von unserer evolutionären Prägung beeinflusst ist und warum gerade Männer besondere Zugänge brauchen, um mit Verlust umgehen zu können. 

Dr. Kreuels beschreibt, dass unsere biologischen Grundstrukturen noch immer aus einer Zeit stammen, in der Männer überwiegend unterwegs waren, jagten, handelten und Verantwortung im Außen trugen. Frauen wiederum schufen Netzwerke, sorgten für Verbindung und Austausch innerhalb der Gemeinschaft. Diese Rollen, über viele Generationen eingeübt, leben in unseren Körpern und Verhaltensweisen bis heute weiter. Sie erklären, warum Männer in Trauersituationen oft zunächst mit Rückzug, Schweigen oder Aktion reagieren, während Frauen eher das Gespräch suchen. 

Viele Männer empfinden klassische Trauercafés als unpassend – nicht weil ihnen der Schmerz fehlt, sondern weil die Form nicht ihrer Art des sich Öffnens entspricht. Direkter Augenkontakt, ruhiges Sitzen im Kreis und der Erwartungsdruck, sofort über Gefühle sprechen zu sollen, können schnell überfordern. Männer brauchen häufig Bewegung, Zeit und ein Nebeneinander statt eines Gegenübers, um mit emotionalen Themen warmzuwerden. Erst wenn der Körper in Aktion kommt und der innere Druck etwas nachlässt, entsteht Raum für Worte. Das ist kein Mangel, sondern eine Form von Intelligenz, die tief in unserer Biologie verwurzelt ist. 

Besonders eindrucksvoll ist die Erkenntnis, dass Männer, die ihre Trauer allein bewältigen wollen, langfristig ein deutlich höheres gesundheitliches Risiko tragen. Bleiben sie isoliert, sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre. Gemeinschaft hingegen wirkt wie ein Schutzfaktor – nicht unbedingt durch Gespräche, sondern durch das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein. Männer brauchen andere Männer um sich, so wie es schon immer war, um emotional schwere Zeiten zu überstehen. Ein Stadionbesuch, eine Wanderung, gemeinsames Kochen oder einfach nur eine handwerkliche Tätigkeit können dabei wirkungsvoller sein als jeder therapeutische Stuhlkreis. 

Dr. Kreuels betont auch, dass viele Männer nie gelernt haben, Emotionen bewusst zu benennen oder mit ihnen umzugehen. Kriegserfahrungen früherer Generationen, traumatische Familiengeschichten und gesellschaftliche Erwartungen haben über Jahrzehnte dazu geführt, dass emotionales Schweigen weitergegeben wurde. Heute stehen viele Männer vor der Aufgabe, Gefühle zuzulassen, die sie nie einordnen konnten, und innere Räume zu betreten, für die ihnen die Sprache fehlt. Doch gerade hier beginnt echte Entwicklung: wenn Männer ihren eigenen Weg finden, sich zu zeigen, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen. 

Aus all diesen Gründen braucht Trauerarbeit für Männer andere Formen. Sie braucht Strukturen, die an Bewegung anknüpfen, Räume, die nicht überfordern, und Gemeinschaften, in denen Schweigen ebenso willkommen ist wie Worte. Der Ansatz, biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammen zudenken, eröffnet neue Wege, Männern in schweren Zeiten wirklich gerecht zu werden. Und genau dort setzt die Arbeit des Männergruppen‑Netzwerk e.V. an: Wir schaffen Räume, die sich anfühlen wie ein Ankommen – nicht wie ein Prüfstand. Räume, in denen Männer sein dürfen, wie sie sind, und Schritt für Schritt entdecken können, dass Trauer nicht schwächt, sondern die tiefe Fähigkeit zur Verbindung in ihnen öffnet.

Wer erlebt, wie kraftvoll echte Gemeinschaft sein kann, merkt schnell: Trauer ist keine einsame Straße. Sie wird leichter, sobald wir sie teilen – auch dann, wenn die Worte dafür erst nach und nach entstehen.

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