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Review zum Online-Vortrag von Dr. Reinhard Winter am 10.12.2025

 Es gibt Momente, in denen ein vertrautes Thema plötzlich in einem neuen Licht erscheint. So ging es vielen von uns beim Vortrag von Dr. Reinhard Winter. Er nahm uns mit auf eine Reise durch die Welt der Männlichkeiten – nicht als starres Konzept, sondern als lebendige Landschaft, die sich ständig verändert. Und während wir zuhörten, entstand ein Gefühl, das in Männergruppen immer wieder auftaucht: Erleichterung. Endlich spricht jemand aus, was viele empfinden, aber selten in Worte fassen können.

Männlichkeit ist ein komplexes Geflecht aus Erwartungen, Prägungen, inneren Antreibern und erlernten Rollen. Reinhard machte deutlich, dass die alten, dominanzgeprägten Bilder längst an Einfluss verloren haben, auch wenn sie in Debatten oft hartnäckiger wirken als in der Realität der Männer. Viele Männer heute leben bereits neue Formen von Männlichkeit – leiser, reflektierter, partnerschaftlicher. Doch der gesellschaftliche Nachklang der alten Erzählungen ist noch deutlich zu hören, und genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die innere Arbeit.

Dieser Wandel erzeugt eine Verunsicherung. Wer bin ich als Mann, wenn die alten Leitplanken bröckeln und die neuen noch nicht klar erkennbar sind? Darf ich kraftvoll sein, ohne dominant zu wirken? Darf ich verletzlich sein, ohne schwach genannt zu werden? Darf ich Verantwortung übernehmen, ohne als Relikt einer alten Ordnung zu gelten? Reinhard zeigte, dass genau diese Fragen Ausdruck einer inneren Reifung sind. Männlichkeit verliert nichts, wenn sie hinterfragt wird. Im Gegenteil: Sie gewinnt an Tiefe, Menschlichkeit und Vielfalt.

Besonders berührend war die Erkenntnis, dass hinter aggressivem Auftreten oder übersteigertem Machtstreben oft nichts anderes steht als Angst und Unsicherheit. Wer sich als Mann nie erlaubt hat, Gefühle wahrzunehmen oder auszusprechen, muss sie in Verhalten ausdrücken. Und Verhalten kann hart werden, wenn der innere Kontakt fehlt. Hier beginnt die eigentliche Chance: Die Erlaubnis, sich selbst besser kennenzulernen. Nicht im moralischen Sinne, nicht als Bekenntnis zu einer „richtigen“ Männlichkeit, sondern als ehrlicher Blick nach innen. Was in mir ist lebendig? Was kämpft? Was sucht eine Stimme? Was sehnt sich nach Zugehörigkeit?

Diese Fragen sind nicht theoretisch. Sie betreffen unser Leben, unsere Beziehungen, unsere Söhne und Töchter. Sie tauchen auf, wenn Partner*innen sich entfremden, wenn Karrieren nicht mehr tragen, wenn Gesundheit ins Wanken gerät oder wenn wir zum ersten Mal spüren, dass wir uns selbst lange aus den Augen verloren haben. Reinhard erinnerte uns daran, dass Männer gerade in Krisen besonders offen werden. Und genau dort beginnt die Chance für Wachstum – wenn wir nicht alleine bleiben.

Als er von seiner Matrix der Männlichkeiten sprach, wurde deutlich, wie viele Facetten in uns schlummern. Mut, Fürsorge, Verantwortung, Gestaltungswille, Kreativität, Rückzug, Leidenschaft. Es gibt nicht die eine richtige Art, Mann zu sein. Vielmehr entsteht ein reifer Umgang damit, wenn wir lernen, situativ zu wechseln. Wenn wir spüren, welches innere Register in welchem Moment angemessen ist. Wenn wir Vielfalt nicht als Widerspruch erleben, sondern als Schatz. Der Mann, der nur ein einziges Muster kennt, bleibt begrenzt. Der Mann, der mehrere Möglichkeiten spürt und einordnen kann, wächst innerlich – und wird sogar freier.

Und genau hier knüpft unsere Männergruppenarbeit an. Im geschützten Raum einer Gruppe können Männer ausprobieren, was die Gesellschaft oft nicht zulässt. Sie können Fragen stellen, statt funktionieren zu müssen. Sie können Unsicherheiten aussprechen, ohne bewertet zu werden. Sie können Kraft zeigen, ohne sie gegen jemanden richten zu müssen. Sie können Verletzlichkeit erleben, ohne sich hilflos zu fühlen. Männergruppen ermöglichen das, was im Alltag kaum stattfindet: echte Begegnung mit sich selbst und miteinander.

Der Vortrag hat uns darin bestärkt, dass diese Räume notwendig sind. Nicht weil wir eine neue Norm erschaffen wollen, sondern weil wir Suchbewegungen begleiten. Wir glauben daran, dass Männlichkeit kein starres Konstrukt ist, sondern ein Prozess. Und wir sehen immer wieder, wie viel leichter dieser Weg wird, wenn Männer ihn gemeinsam gehen. Da ist noch so viel unausgeschöpftes Potential, dass es zu entdecken gibt.

Jeder zuhörende Mann konnte an diesem Vortrag mitnehmen, dass sich Veränderung nicht über Debatten erzwingen lässt, sondern über Beziehung geschieht. Über echte Gespräche. Über das gemeinsame Ringen um Klarheit. Über das Mutigsein im Kleinen. Männerarbeit heißt nicht, Männer zu verbessern. Es heißt, ihnen Räume zu öffnen, in denen sie in Kontakt kommen können – mit sich selbst, mit anderen, mit dem, was ihnen wirklich wichtig ist.

Wir möchten alle Männer ermutigen, diesen Weg mitzugehen. Nicht perfekt, nicht ideologisch, sondern ehrlich. Wir bieten dafür Gruppen, Austausch, Begleitung und Gemeinschaft.

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